Paartanz


Im Bereich des heutigen Tanzsports ist der Paartanz mit wenigen Ausnahmen (z. B. Jazz- und Moderndance) die dominierende Tanzform. Auch im Ballett gilt der "Pas de deux" als Höhepunkt. Tendenzen der 60er Jahre zum Solo- (Disco) oder Gruppentanz (Partytänze, Volkstanz) sind rückläufig.

HIST. Das Mittanzen der Frau bzw. das Zusammentanzen von Mann und Frau kennzeichnet eine späte Stufe des Tanzens, die eine relative Gleichberechtigung der Frau voraussetzt, und ist typisch für den Gesellschaftstanz. Die weitaus meisten Kulturen trennen die Geschlechter im Tanz. Wo die Frau eine untergeordnete Rolle spielte, z. B. im arabischen Raum, konnte der Paartanz nicht entstehen. Alle Paartänze haben ihren Ursprung in der Darstellung eines Dramas, einer erotischen Pantomime. Das älteste Zeugnis für Paartanz stammt aus dem 4. Jahrtausend vor Christus (Ägypten); im deutschen Sprachraum ist es die um 1000 n. Chr. entstandene Schrift "Ruodlieb". Im 19. Jahrhundert dominierten Mischformen aus Gruppen- und Paartanz (z. B. Quadrille, Polka), aber die mit der Industrialisierung verbundene Aufsplitterung der Bevölkerungsstruktur bewirkte ein "engeres Zusammengehen" von Einzelpaaren (Entstehung des Schiebers).

ST: Das Aufnehmen des Körpers, die Entwicklung einer Körperlinie, die sich für das Tanzen mit Körperkontakt eignet, und der tänzerische Transport dieser Linie nach den Vorgaben der Musik und der Bewegungslehre - all dies stellt im Vergleich zu unserer Haltung und Fortbewegung im täglichen Leben bereits eine hohe Spezialisierung dar. Was uns darüber hinaus aber besonders schwerfällt, ist die gedankliche und gefühlsmässige Umstellung von den weitgehend automatisch ablaufenden Aktionen des Einzelnen auf den Partnerbezug, ohne durch ständige "Vor-Sicht" oder "Rück-Sicht" den Gesamtschwung zu hemmen oder zu lähmen. Ebenso wie der Einzeltänzer in seinem Bewegungsablauf nicht ungestraft gegen die Gesetze der Dynamik und Kinetik verstossen darf, lässt sich für die Partnerschaft ein kleiner Verhaltenskodex aufstellen, den beide Partner einhalten müssen, wenn sie die vier Hauptfeinde des ST-Tanzes - push, pull, twist and bend - erfolgreich bekämpfen wollen.

Gutes ST-Tanzen ist eine ständige Gratwanderung zwischen zuwenig Gemeinsamkeit miteinander und zuwenig Freiheit voneinander. Gemeinsamkeit erzeugen die Arme nicht, wenn sie, wie manche Herren das tun, als Machtinstrumente eingesetzt werden, sondern nur dadurch, dass sie die Bewegungen der Körperlinie mitvollziehen, unterstützen und damit auf den Partner übertragen. Besonders in Rotationsbewegungen legen dabei die Ellenbogen einen wesentlichen grösseren Weg zurück als das Körperzentrum und dürfen deshalb niemals steif und fixiert im Raum gehalten werden. Sie müssen aktiv getanzt werden - als "Positionslichter" des Körpers - und mit dem Zentrum "atmen". Ebenso wichtig ist aber, dass uns die Arme die Freiheit voneinander lassen, die wir brauchen, um solide über den eigenen Füssen zu stehen und Raum zu haben für die nötigen Bein- und Körperaktionen.

LAT: Die Synchronität einer progressiven Bewegung mit Körperkontakt ist hier die Ausnahme (z. B. Samba-Rolle). Die Probleme der Partnerharmonie sind somit weniger unmittelbar evident, darum aber nicht weniger relevant. Hier droht die Gefahr einer mechanischen Synchronität, die selbst bei perfekter Einstudiertheit als seelenloser Ausdruck einer inneren Beziehungslosigkeit wirkt. Von "Paartanz" kann man dann eigentlich nicht mehr sprechen.

Helmut Günther: "Der Afrikaner kennt nur pantomimisch-dramatische Tänze. Der Mann soll die Frau umwerben, umspielen, umkreisen; die Frau soll fliehen, locken, girren. Die Fortbewegung durch den Raum fällt damit weg, man tanzt fast am Platz. Die Hüft- und Beckenbewegungen sind das Kernstück der kreolischen Tänze. Sinn haben diese Bewegungen nur, wenn sie vom Partner gesehen werden, wenn die Tänzer also getrennt sind. Auf Kuba wird das Liebesspiel in der Rumba sehr realistisch getanzt. Daher erfordert die Rumba als letzte Steigerung am Schluss für einen kurzen Augenblick die Umschlingung".