Charleston


Modetanz im 4/4-Takt, verbunden mit ausgeprägt modischer Kleidung. In Europa 1925 durch Josephine Baker eingeführt. (Hans Paulerberg wurde 1925 von der deutschen Tanzlehrerschaft nach Paris geschickt und brachte von dort den Charleston mit.) Charakteristisch die erstmalig praktizierte tänzerische Übernahme einer musikalischen Synkope (Beugen der Knie auf unbetontem Taktteil). Die heutigen Charleston-Schritte unterscheiden sich von denen, die 1929 im Quickstep zugelassen wurden, dadurch, dass sie keine Kniebeugungen ("Dips") mehr enthalten.

HIST. Der Charleston stammt aus der gleichnamigen Hafenstadt in South Carolina, von wo ihn schwarze Dockarbeiter um die Jahrhundertwende nach Norden brachten. Als erstes Negro-Musical schaffte 1921 "Shuffle along" den Sprung auf eine weisse New Yorker Bühne und löste mit seinem grossen Erfolg eine Kettenreaktion aus. Als der Besitzer des "New Yorker Colonial Theatre" 1923 eine Zugnummer suchte, schickte er seinen Impressario direkt nach Harlem, wo dieser auf drei Jungen (zwei Schwarze und einen Italiener) stiess, die an einer Strassenecke unter einem Vordach Passanten für Geld den Charleston vortanzten. Am nächsten Tag stand das Trio auf der Probebühne und leitete dann mit der spektakulären Aufführung von "Running Wild" die schwarze Periode des Broadways und die wildeste Tanzwelt der 20er Jahre ein.

Ursprünglich war der Charleston wie der Shimmy ein körperintensiver Tanz mit komplizierten Bewegungen, die weit mehr beinhalteten als die im wesentlichen übrig gebliebenen Swivels, Knieaktionen und "Scheibenwischerfüsse" (die heute auch im Quickstep hin und wieder zu sehen sind). Helmut Günther: "Auch der Charleston war wie der Shimmy mindestens seit 1900 im Süden der USA bekannt. Die weisse Öffentlichkeit konnte diesen Tanz zum ersten Mal 1922 in dem Negro Musical "Liza" sehen". Der damals sehr bekannte Kritiker Gilbert Seldes beschrieb den Charleston 1925 in der Zeitschrift "New Republic" folgendermassen: "Der rich-tige Charleston wird mit dem ganzen Körper getanzt, also nicht nur mit den Beinen wie der Foxtrott oder Onestep. Er benutzt jene Bewegungen, die der Shimmy gebracht hat. Dazu erst kommen die Bein-Motionen, die abwechselnden X- und O-Beine." Eine Tanzbeschreibung von 1925: "Der Torso zittert, dazu Bewegung der Hüften, Schenkel und Hinterbacken. Auch die Hände sind aktiv, sie berühren alle Teile des Körpers wie in Ekstase. Dazu kommen die abwechselnden X- und O-Beine ... Der Tänzer kann seinen Rücken beugen oder gar in Hockstel-lung gehen." Von den puritanischen Dance Masters of America wurde der Tanz daher auch abgelehnt, aber dann ab 1928 so verfeinert und gezähmt, dass er als weisser Gesellschaftstanz gelten konnte. Im gleichen Sinne F. W. Koebner (1927): "Richtig getanzt beginnt der Charleston erst von den Knien ab nach unten ... Der Körper muss ruhig bleiben", den "das unter-scheidet den gesellschaftlichen Charleston von der Neger-Exhibition". Nur für die Zeit "nach Mitternacht" erlaubt er den "Bakerschritt" als gewagte Einlage mit "gebogenem Kreuz" (d. h. herausgestrecktem Po).